Harlekin, oder Vertheidigung des Groteske-Komischen

Im buntscheckigen Gewand durfte Harlekin (auch Hanswurst oder Pickelhering genannt) von der Bühne herab alles sagen. Er durfte das Publikum beschimpfen, bauernschlau und vulgär seine Zoten reißen. Er hielt ihm den Spiegel vor und reizte es damit zum Lachen. Angesichts eines sich wandelnden Theaterverständnisses im 18. Jahrhundert wurde die Notwendigkeit der Harlekinfigur jedoch hinterfragt. Obszöne Narreteien schienen unvereinbar mit aufgeklärtem Denken. Die einflussreiche Leipziger Theaterleiterin Friederike Caroline Neuber verjagte 1737 den Harlekin sogar förmlich von der Bühne.

In seiner Schrift Harlekin, oder Vertheidigung des Groteske-Komischen verteidigt Möser entgegen dem Trend diese Figur. Er lässt sie selbst zu Wort kommen und weist ihr einen neuen Platz im Theater einer ‚heiteren Aufklärung‘ zu. Denn nur wenn der Zuschauer erkenne, so Möser, dass „jeder Mensch wechselweise klug und närrisch ist“, werde er über sich und die Welt lachend zum Nachdenken angeregt. Harlekin helfe dabei – wenngleich auf rücksichtsvollere Weise als früher – dem Publikum auf die Sprünge.

Mösers Text, der 1761 anonym erschien, wurde 1765 in dänischer und 1766 in englischer Übersetzung veröffentlicht. Von der Wirkung seines Harlekin auf die Theaterlandschaft war Möser, trotz des regen Interesses daran, eher enttäuscht. Rückblickend schreibt er 1776, er habe viel Kritik geerntet, wolle aber nach wie vor nichts an der Schrift ändern – denn „wenn ich ihm ein Stück von der Nase schnitte, so passete die schöne Brill nicht, und das wäre doch auch schade.“

Die größte und wichtigste Wahrheit ist die: daß jeder Mensch wechselweise klug und närrisch ist.

Justus Möser, Harlekin 1761