Das Artland

Die ländliche Baukultur des Artlandes verfügt noch heute über eine überraschende Dichte an historischen Fachwerkhöfen. Dies belegen mehr als 1.000 denkmalgeschützte Hofanlagen. Viele von ihnen entsprechen – zumindest im äußeren Erscheinungsbild – noch immer einem Haustypus zur Zeit Justus Mösers. Im Inneren der oft mächtigen Haupthäuser hat sich allerdings nur selten die Struktur des 18. Jahrhunderts erhalten. Gerade die Innengliederung der Bauten war es jedoch, die Möser ausgesprochen zweckmäßig erschien. Was seine Aufmerksamkeit auf sich zog, war, dass sich der überwiegende Teil des Lebens der gesamten Hausgemeinschaft auf der offenen Diele abspielte, von der zu Mösers Zeit lediglich Schlafkammern abgetrennt waren. Das Vieh stand seitlich unter dem gleichen Dach. Auf der Diele, auch Deele, wurde gekocht, gegessen und gesponnen. Den wichtigsten Platz darin nahm an der offenen Herdstelle die Bauersfrau ein. Sie überwachte von hier aus Mensch und Vieh. Möser fasst dies prägnant zusammen: „Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht [sie] zu gleicher Zeit drei Türen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immer fort und kocht dabei.“ Diese funktionale Einheit von Wohnen, Arbeit und Viehhaltung erachtete Möser als so zweckmäßig, dass in seinen Augen dieser Haustyp „gar keiner Verbesserung fähig“ sei – nicht umsonst trug sein Beitrag von 1767 den Titel „Die Häuser des Landmanns im Osnabrückischen sind in ihrem Plan die besten“.

Gleichwohl handelt es sich bei Mösers Beschreibung und Wertung um eine idealisierte Darstellung. So wird das harmonische Zusammenleben von Bauer und Gesinde während und nach der Arbeit nicht immer die Regel gewesen sein. Mit dem engen Zusammenleben mit dem Vieh ging allerlei Geruchsbelästigung einher, von hygienischen Problemen ganz zu schweigen. Und der Rauch des kaminlosen Herdes führte nicht selten zu Augen- und Atemwegsleiden. Das sogenannte westfälische Bauernhaus reizte daher Spötter wie Voltaire zu Feststellungen wie: „In den großen Hütten, die man Häuser nennt, sieht man Tiere, die man Menschen nennt, auf das heimeligste von der Welt mit den anderen Haustieren zusammenleben.“ Dergleichen negative Westfalen-Bilder waren zu Mösers Zeit nicht ungewöhnlich, und Möser versuchte, dieser Sicht durch Argumente aus der Sozial- und Arbeitspraxis etwas entgegenzustellen.

Auch in anderem Zusammenhang befasste sich Möser mit diesem Haustypus, dessen Konstruktion nämlich mit einem hohen Holzverbrauch einherging. So plädierte er im Sinne der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit für eine Minderung des Holzeinschlags und des für bauliche Zwecke erforderlichen Holzkonsums. 

Beispiele für den Haustypus, den Möser schildert – heute als „Niederdeutsches Hallenhaus“ bezeichnet – bieten noch immer anschaulich u. a. der Hof Elting-Bußmeyer (https://www.hof-elting.de/) in Badbergen sowie die 1750 errichtete, aus dem Artland in das Museumsdorf Cloppendorf transferierte Hofanlage der sogenannten Wehlburg (https://museumsdorf.de/).

Der Platz bei dem Herde ist der schönste von allen.

Justus Möser 1767