Melle

Der Haus Jenny von Voigts’ in Melle, circa 30 Kilometer östlich von Osnabrück, kann als wichtiger Schauplatz eines über die Region hinausragenden kulturellen Lebens gelten. Das ‚Haus vor Melle‘ gehörte zum ansehnlichen Grundbesitz der Familie ihres Ehemanns. Jenny, die zwischen Osnabrück und Melle pendelte, übernahm die ihr vom Elternhaus geläufige Gastfreundschaft und hielt im Melle ein offenes Haus. Auch wenn das Gros ihres weit gespannten Netzes von Bekanntschaften über briefliche Korrespondenz aufrechterhalten wurde, sind auch immer wieder namhafte Besucher zu vermerken. Zu ihnen gehörte u. a. der eng befreundete Dichter Anton Matthias Sprickmann, der Ende 1779 einen seiner Aufenthalte beschreibt: „Ich bin hier bey meiner Voigts: schreibe Ihnen hier an ihrem Pulte, mir ist hier so wol … Jenny wohnt hier so herrlich, so ganz auf dem Lande am Ende des Dorfs: eine Wohnung, die mehr als bequem ist, ein grosser Garten …“. Was später (1802) Justus Gruner über Jennys Osnabrücker Zirkel sagt, galt bereits für Melle: „ihr Haus ist ein Tempel humaner Gastfreiheit und Unterhaltung“. Der gesellschaftliche Stellenwert dieses Hauses wurde mitunter über jenen der gebildeten Zirkel in Osnabrück gestellt. Ihr Ehemann nahm daran zwar Anteil, erreichte, trotz eigener literarischer Ambitionen, jedoch nie die Leichtigkeit und Natürlichkeit der Möserfamilie. Er hatte weder in der Ehe mit der Mösertochter noch im Umgang mit anderen Menschen eine glückliche Hand; mit der Stadt Melle lag er in fortwährendem Streit. Dass Jenny von Voigts dennoch hinreichende Spielräume hatte, hier – neben der Haushaltsführung – einen geistigen Zirkel zu pflegen, hing nicht unwesentlich mit ihrem gesellschaftlichen Status zusammen.

Das ‚Haus vor Melle‘ (Mühlenstraße 24) wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überbaut.

Jenny wohnt hier so herrlich ...

Anton Matthias Sprickmann 1779